Jahreshauptversammlung
der ‚Freunde der Hofbibliothek’ im
Residenzschloß Bad Arolsen
- 2006 -
Zeitungsbericht
in der WLZ
Prinz
Christian mit Goethe am
Vesuv
Prof.
H. Broszinski/Dr. J. Wolf
Seit
vielen Jahren kümmern sich die ‚Freunde der Hofbibliothek’ um die
wertvollen
Buchbestände der fürstlichen Hofbibliothek, einer weit über die Grenzen
Waldecks bekannten Schatzkammer der Buchkunst und Literatur. Ziel der
‚Freunde’
ist es, die unersetzbaren Kulturgüter einerseits vor dem Verfall zu
bewahren
und sie andererseits einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu
machen.
Mit dem im vergangenen Jahr begonnenen Digitalisierungsprojekt
‚Reiseliteratur’
wird derzeit ein besonders wertvoller Teil der Hofbibliothek gemeinsam
mit dem
Fotoarchiv Marburg für die weltweite Nutzung aufbereitet. Ein erster
Prototyp
der zukünftigen Bilddatenbank kann bereits im Internet aufgerufen
werden (URL: http://www.fotomarburg.de/gaeste/arolsen/arolsen-frage.htm).
Bis alle rund 30.000 Stiche aus Werken des 16. bis 19. Jahrhunderts
digitalisiert und beschrieben sind, dauert es allerdings noch einige
Jahre. Für
einen entscheidenden Schritt in die Zukunft haben dabei die ‚Freunde
der
Hofbibliothek’ gesorgt. Aus Mitteln der ‚Freude’ konnte eine
hochauflösende
Digitalkamera samt PC und weitere Peripheriegeräten angeschafft werden.
Die Hofbibliothek in Funk,
Fernsehen und Forschung
Fürst
Waldeck konnte seinen Rückblick auf das Jahr 2005 mit einer Fülle von
Highlights garnieren. Aktionen von Funk und Fernsehen rückten die
Hofbibliothek
mehrfach in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit. In vielen
Führungen
haben Prof. Hartmut Broszinski und Dr. Jürgen Wolf ihre Faszination von
den
Teil über 500 Jahre alten Kulturschätze auf zahlreiche Besucher
übertragen. Der
handfesten Wissenschaft hatte die Hofbibliothek ebenfalls viel zu
bieten.
Forscher aus mehreren Ländern nutzten die Bestände sowohl vor Ort in
Arolsen,
durch die Fernleihe über die Universitätsbibliothek Arolsen als auch
vermehrt
über das Internet.
Forschung
aktuell: Reiseliteratur in der Arolser Hofbibliothek.
Digitalisierungsprojekt
in Kooperation mit dem Internationalen Bildarchiv FotoMarburg
Die
Hofbibliothek besitzt einen reichen Bestand an Reiseliteratur. Über
mehr als
300 Jahre vom Ende des 15. bis ins beginnende 19. Jh. wurde in mehreren
tausend
Bänden ein breites Spektrum an Wissen, Informationen, aber auch
Geschichten und
Kurioses über alle Kontinente zusammengetragen. Unter den einschlägigen
Bänden
wie einer Robinson Crusoe-Ausgabe von 1721 finden sich viele extrem
seltene
oder gar nur in Arolsen erhaltene Raritäten wie Joh. Jantz. Straußens. Sehr
schwere/wiederwertig und Denckwürdige Reysen Durch
Italien/Griechenland/Lifland/Moscau/
Tatarey/Medien/Persien/Türkey/Ost-Indien/Japan
und unterschiedliche andere Länder, Amsterdam 1678.
Gemeinsam
mit dem Fotoarchiv Marburg werden diese Kostbarkeiten derzeit
digitalisiert,
beschrieben und in einer weltweit zugänglichen online-Datenbank ins
Internet
gestellt. Ein Projekt dieser Größe übersteigt die finanziellen
Möglichkeiten
der Hofbibliothek natürlich bei Weitem. Um potentiellen Geldgebern die
Bedeutung des Projekts transparent zu machen, wurde im vergangenen Jahr
von Dr.
Sirka Heyne, Rolf Siebeneicher und Susan Enß mit Hochdruck in der
Bibliothek
gearbeitet. Schon jetzt wird der wissenschaftliche und
kulturhistorische Nutzen
des Arolser Projekts von vielen Experten als ausgesprochen hoch
eingeschätzt.
Es wird nun alles darauf ankommen, potente Geldgeber zu gewinnen.
Goethe
und die Waldecker
Nach
dem formalen Teil der Jahreshauptversammlung präsentierten
Prof. Hartmut Broszinski und Dr. J. Wolf im Wechselspiel ausgewählte
Werke der
Reiseliteratur. Die faszinierten Zuhörer konnten unschwer erkennen, daß
ferne
Länder die Menschen im 18. Jahrhundert nicht weniger faszinierten als
heute. Da
man aber in der Regel nicht selbst reisen konnten, wurden Reiseberichte
aller
Art umgehend zu Bestsellern. Als am Fuße des Vesuv das untergegangene
Herculaneum
wieder entdeckt wurde, entwickelte sich beispielsweise innerhalb
kürzester Zeit
sich ein reger Antikentourismus.
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Amphitheater von
Herculaneum – Rekonstruktion nach den Funden (aus: Voyage
pittoresque)
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Wer
etwas auf sich hielt, wallfahrte nach Neapel, an den Vesuv.
Und wem dies nicht gelang, beschaffte sich wenigstens die
entsprechenden
Reiseberichte, Fachbücher, Bildbände bzw. am besten gleich die
Fundstücke
selbst. Auch die Waldecker Fürsten Georg, Friedrich und ihr Bruder
Prinz
Christian August wurden von diesem ‚Antike-Bazillus’ infiziert. Prinz
Christian
August nahm die Antike sogar vor Ort in Augenschein. Er reiste
gemeinsam mit Johann
Wolfgang von Goethe
nach Neapel.
Prinz
Christian August (1744-1798),
der jüngere Bruder Fürst Friedrichs, österreichischer
General und später Generalfeldmarschall von Portugal, verfolgte den
Dichterfürsten auf der Suche nach „edlem Altertum“ geradezu. Goethe
schreibt in
der „Italiänischen Reise“ (Ausgabe in der FWHB: Cotta 1862) zu seinen
Erfahrungen mit dem hochgebildeten Waldecker Fürsten anerkennend:
„So
hatte ich denn auch dem Fürsten von
Waldeck nicht widerstehen können, der mich auf`s freundlichste
einlud
und, durch Rang und Einfluß, mir Theilnahme an manchem Guten
verschaffte.
Kaum
waren wir in Neapel angekommen, wo er sich schon eine Zeit lang
aufhielt, als
er uns einladen ließ, mit ihm eine Fahrt nach Puzzuoli und der
anliegenden
Gegend zu machen. Ich dachte heute schon auf den Vesuv, Tischbein aber
nöthigt
mich zu jener Fahrt, die, an und für sich angenehm, bei dem schönsten
Wetter,
in Gesellschaft eines so vollkommenen und unterrichteten Fürsten, sehr
viel
Freude und Nutzen verspricht .Auch haben wir schon in Rom eine schöne
Dame
gesehen, nebst ihrem Gemahl, von dem Fürsten unzertrennlich; diese soll
gleichfalls
von der Partie seyn und man hofft alles Erfreuliche.“
Bücherschätze
rund um die Antike in der Hofbibliothek – einige Highlights
‚Voyages
Pittoresques’
Die ‚Voyages Pittoresques’
bieten als frühe
Bestandsaufnahme antiker Baudenkmäler in Frankreich, Italien, Sizilien
und
Griechenland detaillierte Stiche zu fast allen (damals) aktuellen Funden
Antiker
Alltag zwischen Archäologie und Imagination
Die
sensationellen Funde und Ausgrabungen im 18. und 19. Jahrhundert ließen
die Antike mehr denn je Teil des kulturellen Gedächtnisses einer ganzen
Epoche werden. Zahllose Stiche mit detaillierten Abbildungen von
Fundstücken und Fundorten brachten das antike Leben in die Bücherstuben
von Adel und Bürgertum. Letztlich wurde die Antike Gegenwart und
Alltag. Neben Möbeln, Bildern, Gartenanlagen, Musikinstrumenten und
Kleidung wurden offensichtlich auch antike Denkmodelle übernommen.Eine vielleicht noch größere
Wirkung als die Realien selbst entfalteten die idealisierten
Vorstellungen vom antiken Alltagsleben. Aus den Funden und der
Literatur wurde nämlich umgehend eine geradezu arkadische Antikenidylle
konstruiert. Die Antike galt als die ‚bessere Zeit’ und sollte in
Überwindung des finstren Mittelalters Vor- und Leitbild einer ‚besseren
Zukunft’ sein.
Zu Georgs Schullektüre
gehörten z.B. antike Grundlagenwerke. Inwieweit die Antike auch die Erziehung und dann die Staatsführung im
modernen Fürsten-staat des 18. Jh.s beeinflußt hat, wird zu prüfen sein.
Eine überragende
Bedeutung für die Konstruktion dieses antiken Ideals hatten die großen
Dichter: Homer, Vergil, Ovid
Ihre
Werke durften in keiner Bibliothek fehlen. Die in der Hofbibliothek
vorhandenen Ausgaben, wie die Vergil-Ausgabe von 1745 mit
persönlichem Be-sitzeintrag von Prinz Christian (datiert: 1788) oder die illustrierte
Ovid-Ausgabe (rechts), sind oft mit aufwendigem Frontispiz und
begleitenden Illustrationen versehen. Die kostbare Ausstattung
dokumentiert den Status, den man den Antiken Dichtern zumaß.
Lesesaal und Internet
Für
alle Interessierten besteht jeweils Dienstags (10.00-14.00
Uhr) und Freitags (8.00-12.00 Uhr) die Möglichkeit, unter der bewährten
Anleitung von Frau Enß die über 35.000 Bände der Bibliothek in Bad
Arolsen
selbst einzusehen. Wer sich über die Bibliothek und die
Nutzungsmodalitäten
informieren möchte, kann dies schon seit einigen Jahren per Internet
unter der
Adresse http://dtm.bbaw.de/Waldeck/startseite-hofbibliothek.htm
tun.
Eine ganze Palette an detaillierten Informationen zu den
Beständen, zur Geschichte der Bibliothek, zu kostbaren Einzelstücken,
zu
aktuellen Veranstaltungen, Forschungsprojekten und vielem kann
abgerufen
werden. Mit rund 1.000-1.500 Zugriffen im Monat ist das Angebot stark
frequentiert - nur die heimischen Nutzer zieren sich.